Monday, November 25, 2019

Berlin Breitscheidplatz: der präparierte Poller


Nach Auskunft von Ausschussmitglied Martina Renner (Linke) halte ein Schwenk des Urhebers die Einfahrtsstrecke des LKW fest und markiere einen Punkt am anderen Ende des Platzes, zu dem der LKW wohl hätte fahren sollen, aber nicht so weit gekommen ist, weil er vorher nach links auf die Straße ausgebrochen ist. (telepolis, in Bezug auf ein neu aufgetauchtes Video von einem ausländischen Geheimdienst).

Der Breitscheidplatz wird längs der Budapester Strasse von einer Reihe von Pollern gesäumt, die Halten und Parken verhindern sollen. Der Abstand zwischen zwei Pollern ist knapp 2,5 Meter, so dass der LKW mit seiner Breite von 2,55 m nicht umhin kam, einen Poller aus dem Weg zu räumen, als er zur Strasse hin ausbrach. Dieser Poller ist nur auf wenigen Fotos zu sehen; er lag unter dem Auflieger und kam buchstäblich erst ans Licht, als der weggeschleppt wurde. Es gibt ein hochauflösendes Foto vom Tatort, hier ein Ausschnitt:

Originalfoto


Wir haben hier ein bemerkenswertes und unterschätztes Beweisstück. Seine Merkmale:

1 - Er hat eine andere Form und ist länger als die normalen Kugelkopf-Poller. Das liegt daran, dass er für Mülleimer gedacht ist. Jeder sechste Poller in der Reihe ist ein solcher Mülleimer-Poller (siehe Anhang, Foto 1). Der Mülleimer selbst ist in dem Foto nicht zu entdecken, vermutlich war gar keiner angebracht.

2 - Man sieht drei Mastschellen, die der Befestigung des (nicht vorhandenen) Mülleimers dienen (vergleiche Anhang, Foto 2).

3 - Der Poller war nicht fest einbetoniert, sondern herausnehmbar, und er wurde durch den Aufprall aus dem Boden hinausgezogen. Das Unterteil ist etwas heller und glänzt stärker als das oberirdische Teil, das mit der üblichen anthrazitfarbenen Beschichtung versehen ist.

4 - Der Poller hat den Aufprall einigermassen glimpflich überstanden. Er hat aber am unteren Ende einen breiten waagerechten Knick, wurde also beim Aufprall in Fahrtrichtung verbogen.

Soweit der Befund. Bevor wir zur Auswertung kommen, etwas zu Pollern im allgemeinen. Es handelt sich in unserem Fall um sogenannte Stilpoller. Die gibt es zum Einbetonieren, zum Umlegen und zum Herausnehmen; letztere stecken in einer sogenannten Bodenhülse. Der sichtbare Teil - "überflur" - ist meistens zwischen 70 und 120 cm lang, das Unterteil - "unterflur" - üblicherweise 30-40 cm.

Für die Kugelkopfpoller des Breitscheidplatzes lässt sich anhand der Fotos eine Höhe von 80-90 cm abschätzen und für die Mülleimer-Poller eine Höhe von 110-120 cm. Der Poller unseres Interesses kommt also, rechnet man das Unterteil hinzu, auf eine Gesamtlänge von etwa 150 cm. Mit dieser Messlatte wird klar, dass der Knick vom unteren Ende aus gemessen in etwa 10 cm Höhe entstanden ist (siehe Anhang, Foto 3). Und hier liegt der Hase im Pfeffer:

Wenn ein Poller, der 40 cm tief im Erdreich versenkt ist, von einem Auto angefahren wird, ist ein Knick in 40 cm Abstand vom unteren Ende zu erwarten. Das gebieten die Gesetze der Mechanik. Unser Poller hat den Knick aber in nur 10 cm Abstand vom unteren Ende. Logische Folgerung: er steckte nur 10 cm tief in der Bodenhülse. Damit war er natürlich schlecht verankert und sass viel zu locker. So wurde er beim Aufprall zuerst etwas verbogen und dann per Hebelwirkung in einer Drehbewegung herausgezogen. Hätte er 40 cm tief im Boden gesteckt, wäre das nicht passiert, weil das Erdreich der Drehbewegung zu viel Widerstand entgegengesetzt hätte. Stattdessen wäre die gesamte kinetische Energie des Aufpralls in die Verformung des Pollers geflossen und hätte ihn so stark geknickt, dass der LKW über ihn drüber kam, und er wäre nicht herausgezogen worden. Es gibt also drei triftige Gründe für den Schluss, dass das Unterteil nicht vollständig im Boden steckte: die Position der Delle, der geringe Grad der Verformung, und die Tatsache, dass der Poller aus der Bodenhülse herausschlüpfen konnte. Wie kam es zu dieser "Unregelmässigkeit"?

Es muss etwas unten in der Bodenhülse gewesen sein, das ihn blockierte, so dass er nicht tiefer als 10 cm hineinging. Dieses Etwas könnte zufällig oder unbeabsichtigt dort hineingefallen sein, als der Poller gerade einmal abmontiert war. Viel wahrscheinlicher ist aber, dass hier gezielt manipuliert wurde. Für zwei Personen wäre es ein Leichtes, den "Abstandhalter" unauffällig und innerhalb von Sekunden in die Bodenhülse einzubringen.

Man kann es drehen und wenden wie man will: jemand hat offenbar im Vorfeld ausgerechnet den Poller gelockert, den der LKW bei der Ausfahrt ansteuerte. Durch diese Massnahme stellte er für den LKW kein Hindernis mehr dar. Lockerung des Pollers und Ausbruch des LKW passen so gut zusammen, dass ein zufälliges Zusammentreffen auszuschliessen ist. Vielmehr muss die Schlussfolgerung sein, dass die Route des LKW von Anfang bis Ende durchgeplant war und der Poller zu diesem Zweck präpariert wurde.

Ein Video, das eine Woche vor dem Anschlag aufgenommen wurde, zeigt genau die Stelle, wo der LKW zur Strasse durchbrach (siehe Anhang). Auch unser Poller ist zu erkennen. Er ist etwas höher als die anderen Poller, was ja normal ist, scheint aber nicht zusätzlich angehoben zu sein. Der Mülleimer fehlt. Interessant ist, dass ausgerechnet hier eine Lücke im Zaun klafft. Die Stelle war dadurch geradezu prädestiniert für jemanden, der auf der Suche nach einer geeigneten, d.h. möglichst hindernisfreien Ausfahrtstelle für den LKW war. Da lag es nahe, ein wenig nachzuhelfen und das letzte Hindernis - unseren Poller - zu neutralisieren.

Der präparierte Poller ist ein starker Hinweis darauf, dass die Planer und Ausführenden des Anschlags, egal ob sie Anis Amri hiessen oder Naveed Baloch oder Bilel ben Ammar oder sonstwie, mitnichten vorhatten, mit dem LKW möglichst lange durch den Weihnachtsmarkt zu fahren, um möglichst viele Menschen umzubringen, so wie es ein kürzlich von einem "ausländischen Nachrichtendienst" freigegebenes Video nahelegen soll. Es sieht vielmehr so aus, als ob der Fahrer den Auftrag oder die Absicht hatte, nur ganz kurz auf den Markt zu fahren und ihn baldmöglichst wieder zu verlassen. Wir hätten es dann wohl nicht mit einem Terroranschlag zu tun, sondern mit der Simulation eines solchen.


Anhang



Foto 1 (2014), Ausschnitt


Originalfoto


Foto 2 (2014), Ausschnitt


Originalfoto


Foto 3 (20. 12. 2016), Ausschnitt mit Erläuterung




Video (12. 12. 2016)






Monday, August 26, 2019

Bikini-Video entlarvt EuropaCenter-Video als Fälschung


Am 23. August veröffentlichte der RBB drei Videos, die Szenen unmittelbar nach dem Anschlag auf dem Breitscheidplatz zeigen und ihm von ungenannter Quelle zugespielt worden sind. Eines dieser Videos wurde aus dem Bikini-Gebäude heraus aufgenommen und zeigt die Szene auf der Budapester Strasse Sekunden nach dem Anschlag. Man sieht, wie sich Menschen nach kurzer Schockstarre zu dem LKW begeben um zu sehen, ob sie helfen können.

Es lohnt sich, dieses "Bikini-Video" zu dem Video in Beziehung zu setzen, das von dem Fernseh-Magazin Kontraste im März 2018 gesendet wurde und die Durchfahrt des LKW durch den Weihnachtsmarkt zeigt, aufgenommen aus dem Europa-Center. Das "EuropaCenter-Video" endet exakt mit dem Halt des LKW, das Bikini-Video beginnt anscheinend wenige Sekunden danach.

In einem früheren Blogeintrag habe ich bereits ausgeführt, dass das EuropaCenter-Video mit hoher Wahrscheinlichkeit gefälscht ist, weil der Sattelschlepper nicht mit einer derart hohen Geschwindigkeit und nicht in einer derart schlanken S-Kurve über den Markt gefahren sein kann. Kann das Bikini-Video zu dieser Frage etwas beitragen? Es kann.

Wenn ein Video vom Breitscheidplatz-Anschlag an mindestens einer Stelle zeigt, wie eine Ampel an der Kreuzung Budapester/Kant/Hardenbergstrasse umschlägt, lässt sich seine Zeitspanne prinzipiell sekundengenau bestimmen. Die Ampeln sind genau im Ein-Minuten-Takt geschaltet und lassen sich unter Zuhilfenahme anderer bekannter Videos mit der Uhr der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche synchronisieren, wie ich in diesem Beitrag gezeigt habe. Das Ergebnis ist das kreisförmige Diagramm. Die schwarzen Kreisbögen stellen die Grünphasen der jeweiligen Ampeln dar. Ein voller Kreisbogen entspricht einer Minute.

Im Bikini-Video sieht man, wie um 0:25 die Ampel der Budapester Linksabbiegerspur von Rot auf Grün umschlägt. Unter der Voraussetzung, dass die Turmuhr genau ist, lässt sich so ableiten, dass das Bikini-Video um x:43 beginnt und um (x+1):17 endet, wobei x die Minute angibt. Die genaue Minute, also x, kann auf 20:00, 20:01 oder 20:02 eingegrenzt werden. 20:01 korreliert deutlich am besten mit den vorliegenden Rahmendaten. Das Bikini-Video bildet also höchstwahrscheinlich die Zeitspanne 20:01:43 - 20:02:17 ab.
 
Unabhängig von der Minute steht jedenfalls fest, dass das Bikini-Video während der Grünphase der Hardenbergstr/Budapester geradeaus aufgenommen wurde. Das EuropaCenter-Video wurde gleichfalls in so einer Grünphase aufgenommen - Hardenbergstrasse und Budapester Strasse haben grüne Welle - und lässt sich modulo der Minute ebenso genau bestimmen: es beginnt um x:57 und endet um (x+1):08. Es ist zeitlich natürlich vor dem Bikini-Video einzuordnen, bei obigem Beispiel hiesse das 20:00:57 - 20:01:08. Und das hiesse wiederum, dass der LKW zu Beginn des Bikini-Videos bereits 35 Sekunden stand. Dass sich in diesen 35 Sekunden niemand zum LKW begeben hat, um nachzuschauen oder zu helfen - denn das geschieht erst nach 10 Sekunden im Bikini-Video - ist völlig unvorstellbar.

Das Bikini-Video bestätigt damit, dass das EuropaCenter-Video gefälscht ist.









Tuesday, March 06, 2018

Berlin Breitscheidplatz: das dubiose Kontraste-Video




Just zur Eröffnung des Bundestags-Untersuchungsausschusses überraschte das ARD-Magazin "Kontraste" die Öffentlichkeit mit der Veröffentlichung eines Videoschnipsels, das erstmals zeigt, wie der LKW über den Weihnachtsmarkt fährt. Seine Geschwindigkeit liegt zwischen 40 km/h und 50 km/h. 

http://www.ardmediathek.de/tv/Kontraste/Kontraste-vom-01-03-2018/Das-Erste/Video?bcastId=431796&documentId=50507920

Das Video soll von einer Überwachungskamera stammen und wurde Kontraste "zugespielt". Die Quelle wird nicht verraten, was vermuten lässt, das es nicht aus Ermittlungsakten der Polizei stammt. Das erinnert an das Dashcam-Video, das ja auch von der Nachrichtenagentur Reuters veröffentlicht wurde, ohne die Herkunft zu nennen. Die ungenannte Quelle macht das Video von vorneherein etwas dubios, und tatsächlich stehen die Bilder im Widerspruch zu den sich verdichtenden Hinweisen, dass der LKW sich nur langsam über den Weihnachtsmarkt schob:

Um kurz nach 20 Uhr hält er an einer roten Ampel. Als die Ampel auf Grün springt, fährt Amri an. Es ist 20.02 Uhr. Mit rund 15 km/h schiebt sich der LKW auf den Weihnachtsmarkt. 15 km/h sind nicht besonders schnell, doch an diesem Abend auf dem überfüllten Markt genug, um Menschen zu überrollen und Buden niederzureißen. (Zeit, 15. 4. 2017)
Amri wartet. Die Ampel am Berliner Breitscheidplatz zeigt Rot. Es ist exakt 20.00 Uhr, als der 24-jährige Tunesier auf die Senden-Taste drückt. Sein Anleiter am anderen Ende des Chats, ein Führungskader des sogenannten Islamischen Staates, wird nicht mehr antworten. Das Signal springt auf Grün. Amri gibt Gas. Er lenkt den stahlbeladenen Sattelzug direkt in eine Budengasse des quirligen Weihnachtsmarktes neben der Gedächtniskirche. Sekunden später sind elf weitere Menschen tot und über 60 Menschen verletzt. (n24, 8. 11. 2017)
Die Todesfahrt des Anis Amri über den Breitscheidplatz dauert 25 Sekunden. Mehrere Videoaufnahmen aus einem der oberen Stockwerke des Bikini-Hauses zeigen, wie sich unmittelbar nach dem Anschlag die Fahrertür des Lkw öffnet und Amri in Richtung Hardenbergstraße läuft. (Hannoversche Allgemeine Zeitung, 15. 12. 2017)

Eine genauere Analyse des Videos wirft weitere Fragen auf. Die Position und Route des LKW vor Auffahrt auf den Markt kann dank der gut sichtbaren Strassenmarkierungen recht genau bestimmt werden. Mitten auf der Kreuzung Hardenbergstrasse/Kantstrasse/Budapester Strasse kreuzen sich zwei Markierungslinien (diese Stelle ist im Titelbild mit einem schwarzen Kreis markiert).  Der LKW fährt rechts an dieser Stelle vorbei. Das führt zu folgendem Diagramm - der LKW muss zwischen Laternenpfahl (L) und Fussgängerampel (F) hindurch.




Das Problem ist für jeden, der schon einmal einen LKW oder auch nur einen Transporter durch ein enges Tor manövrieren musste, offensichtlich: der Anfahrtswinkel ist äusserst ungünstig und lässt kaum Spielraum für korrigierende Lenkbewegungen. Jeder LKW-Fahrer würde die Linie zwischen L und F in einem möglichst stumpfen Winkel anfahren, und zwar möglichst nahe an F, weil er diesen Punkt vom Fahrersitz aus sehr gut im Blick hat. Eine optimale Anfahrt dürfte etwa so aussehen:



Jeder LKW-Fahrer würde also über die linke Spur der Hardenbergstrasse anfahren. Auf dem Kontraste-Video fährt der LKW jedoch über die rechte Spur an, obwohl ihn kein Autoverkehr daran hindert, links zu fahren. Dadurch macht er ohne Not das ohnehin schwierige Manöver, eine rechts-links-Kurve auf engem Raum, noch schwieriger. Verschärfend kommt die hohe Geschwindigkeit hinzu, die beim kleinsten Lenkfehler dazu führen würde, dass der LKW sich mit seinem Auflieger an Laternenpfahl L festbeisst, was sicherlich nicht im Sinne von jemandem wäre, der möglichst viele Menschen überfahren will.

Das Kontraste-Video muss angesichts dieser Umstände als mit hoher Wahrscheinlichkeit gefälscht gelten und fällt als Beweis dafür aus, dass der LKW mit hoher Geschwindigkeit über den Weihnachtsmarkt gefahren ist.










Sunday, July 30, 2017

Berlin Breitscheidplatz: kam der LKW aus der Kantstrasse?


Kölner Stadt-Anzeiger


Bundesanwalt Thomas Beck ist Leiter der Abteilung Terrorismus beim Generalbundesanwalt und referierte am 3. Juli vor dem Innenausschuss des Berliner Parlamentes zu der LKW-Terrorattacke in Berlin. Die Sitzung war öffentlich, ein Protokoll ist verfügbar. Während es in seinem Vortrag primär um die Personalie Amri ging, fasste er auch kurz den Ablauf am Tattag zusammen. Dabei fiel ein höchst bemerkenswerter Satz: 
Am 19. Dezember 2016 fuhr gegen 20 Uhr in Berlin ein Sattelschlepper der Firma Scania nebst Auflieger mit polnischem Kennzeichen, von der Kantstrasse kommend, mit einer Geschwindigkeit von ca. 49 km/h in die Einfahrt des Weihnachtsmarkts an der Gedächtniskirche auf dem Breitscheidplatz.
Schon von der Kantstrasse kommend hätte bei den Anwesenden tiefes Stirnrunzeln hervorrufen müssen, denn die Version "Kantstrasse" kursierte nur in den allerersten Tagen nach dem Anschlag, danach griff allgemeiner Konsens Platz, dass der LKW aus der Hardenbergstrasse gekommen sein musste. Kombiniert mit einer Geschwindigkeit von ca 49 km/h wird aber regelrechter Unfug draus, denn der LKW hätte eine extrem enge 120-Grad-Kurve nehmen müssen (von der Kantstrasse über die Kreuzung zur Eintrittsstelle neben der Fussgängerampel der Budapester Strasse).

Reaktionen oder Nachfragen blieben aber aus. Offenbar merkte niemand im Ausschuss - oder wollte niemand merken - dass in dem von Bundesanwalt Beck kolportieren Szenario ein schwerer Fehler steckt. Der LKW kann die Kurve nicht so schnell genommen haben. Vielleicht kannten die Zuhörer ja nicht den Eintrittspunkt und vermuteten, der LKW sei von der Kantstrasse direkt, also unter Umgehung der Kreuzung, auf den Markt gefahren. In diesem Fall hätte er lediglich einen kleinen Schlenker nach rechts machen müssen. Das Schadbild am Breitscheidplatz lässt aber diese Version nicht zu, obwohl sie von mehreren Zeitungen genau so illustriert worden ist:

Frankfurter Allgemeine


Spiegel

Stern


Wie konnte es zu diesen synchronen Falschgrafiken, die alle vom 20. Dezember datieren, kommen? Wie sich nach kurzer Recherche herausstellt, war es die Berliner Polizei, die am 19.12. um 23 Uhr die Information "Kantstrasse" in die Welt setzte:
Laut dem Pressesprecher der Berliner Polizei, Thomas Neuendorf, kam der Lastwagen von der Kantstraße auf den Weihnachtsmarkt gefahren und ist in der Gasse zwischen den Buden durchgefahren.
https://www.vice.com/de/article/ypvkd5/lkw-rast-in-den-weihnachtsmarktpolizei-meldet-bisher-neun-tote

Wie die Polizei zu dieser Information kam, ist nicht schwer zu erraten. Es gab wohl reichlich Zeugen, die die Anfahrt des LKWs beobachtet hatten. Offenbar ergab sich bei deren Befragung ein eindeutiges Bild zugunsten der Kantstrasse. Hätte es unter der Zeugenschaft einen massiven Widerspruch zwischen Version "Kantstrasse" und Version "Hardenbergstrasse" gegeben, hätte sich die Polizei in dieser Frage mit Sicherheit bedeckt gehalten.

Mit der Information "Kantstrasse" im Gepäck erging dann in den Medienhäusern ein Eilauftrag an die jeweiligen Grafiker, ein Bild des Tatorts anzufertigen. Dabei wählten die verantwortlichen Journalisten unisono die Route von der Kantstrasse direkt auf den Markt, ohne sich zu vergewissern, ob der Einfahrtspunkt überhaupt korrekt war. Und so nahm das Desaster der Fake News-Grafiken seinen Lauf.

Nach und nach sickerte jedoch wohl die Erkenntnis durch die Redaktionen, dass da irgendetwas nicht mit dem konkreten Bild des Tatorts zu vereinbaren war. Nun kamen Formulierungen ins Spiel, die immer noch die Kantstrasse erwähnten, aber nicht zwingend als Anfahrtsstrecke festlegten:
Der Lastwagen fuhr laut Polizei im Bereich Kantstraße Ecke Budapester Straße gegen 20 Uhr auf einen Gehweg nahe dem Weihnachtsmarkt.
http://www.bento.de/today/berlin-lkw-rast-in-weihnachtsmarkt-am-breitscheidplatz-polizei-spricht-von-anschlag-1077350/

Die Berliner Polizei ging indes immer noch von der Kantstrasse als Anfahrtsweg aus. Sie klapperte  am 21. 12. die Geschäfte an der Kantstrasse ab, um etwaiges Videomaterial von Überwachungskameras in die Hand zu bekommen. Noch immer ist von der Hardenbergstrasse nicht die Rede.

Der Tag danach, der 22.12., brachte dann die Veröffentlichung des berühmt-berüchtigten Dashcam-Videos, in dem der LKW eindeutig aus der Hardenbergstrasse kommt. Für die "öffentliche Meinung" waren damit die Tage der Kantstrasse gezählt. Die Ermittlungsbehörden enthielten sich allerdings einer Stellungnahme zu dem Video. Und wie der Vortrag von Bundesanwalt Beck zeigt, ist die Kantstrasse dort offenbar noch nicht zu den Akten gelegt.

Becks Aussage ist eine weitere verwirrende Beigabe zu dem bereits existierenden Potpourri bezüglich Fahrtweg und Geschwindigkeit des LKW. Wie bereits berichtet, legte sich die ZEIT in einem rückblickenden Artikel darauf fest, dass der LKW mit nur 15 km/h über den Weihnachtsmarkt fuhr. Sie stützte sich dabei auf GPS-Daten, die ihr offenbar zugespielt worden waren. Der Gegensatz zwischen Bundesanwaltschaft (Kantstrasse/49 km/h) und ZEIT (Hardenbergstrasse/15 km/h) könnte nicht krasser sein.



Der ZEIT-Artikel behauptet, ebenfalls basierend auf GPS, der LKW habe um 19:57 am Ernst-Reuter-Platz "gewendet". Um 20:02 sei er dann - wie bekannt - auf den Markt gefahren. Nun ist es vom Ernst-Reuter-Platz bis zum Breitscheidplatz nicht weit, etwas mehr als 1 Kilometer. Die wenigen Ampeln auf dieser Strecke sind in grüner Welle geschaltet. Zur Zeit des Anschlags gab es nur sehr mässigen Verkehr, das weiss man von Videos. Mit anderen Worten: der LKW hatte so gut wie freie Fahrt. Er hätte für die Strecke eigentlich nur eineinhalb bis zwei Minuten brauchen sollen. Dass er ganze fünf Minuten brauchte, wirft Fragen auf. Was hat die Verzögerung verursacht?

Wie bereits berichtet, erklärte BKA-Chef Holger Münch dem Innenausschuss des Bundestages in einer geheimen Sitzung am 21. 12., der LKW habe den Tatort Breitscheidplatz erst einmal umrundet, bevor er auf ihn auffuhr. Wenn der LKW um 19:57 am Ernst-Reuter-Platz war und um 19:59 am Breitscheidplatz ankam, hätte er mit drei Minuten (bis 20:02) noch ausreichend Zeit gehabt, um diese Umrundung zu realisieren. Bundesanwalt Beck könnte also Recht gehabt haben, als er sagte, der LKW sei aus der Kantstrasse gekommen. Womit er mit Sicherheit Unrecht hatte, ist die Geschwindigkeit von "ca. 49 km/h".

Die Angelegenheit bedarf dringendst der Klärung.



Wednesday, May 31, 2017

Berlin Breitscheidplatz: die ungeklärte Geschwindigkeit des LKW


- oder: was macht die "Ermittlergruppe City"?

 

 

 

Die Geschwindigkeit, mit der der LKW bei seiner Amokfahrt über den Weihnachtsmarkt "raste", war monatelang Gegenstand von Gerüchten und Spekulationen. Zeugenaussagen waren widersprüchlich, Medienberichte ungenau und Ermittlungsbehörden wortkarg. Dann überraschte die ZEIT am 5. April mit detaillierten, auf GPS-Daten gestützten Angaben, die unscheinbar in einen langen Rückblick eingebettet waren:
Um kurz nach 20 Uhr hält er an einer roten Ampel. Als die Ampel auf Grün springt, fährt Amri an. Es ist 20.02 Uhr. Mit rund 15 km/h schiebt sich der LKW auf den Weihnachtsmarkt. 15 km/h sind nicht besonders schnell, doch an diesem Abend auf dem überfüllten Markt genug, um Menschen zu überrollen und Buden niederzureißen.
http://www.zeit.de/2017/15/anis-amri-anschlag-berlin-terror-staatsversagen/komplettansicht 

Aus dem "Rasen" ist auf einmal ein "Schieben" geworden. Ob 15 km/h schnell genug sind, um 12 Menschen zu töten und Dutzende zu verletzen sei einmal genauso dahingestellt wie die Behauptung, der Markt wäre "überfüllt" gewesen (das war er allen öffentlich zugänglichen Fotos und Videos zufolge wohl nicht). Interessant ist aber, dass diese langsame Geschwindigkeit nicht nur in Widerspruch zu dem berühmt-berüchtigten Dashcam-Video steht, auf dem der LKW erkennbar schneller ist und nicht an einer roten Ampel hält, sondern auch zu einer Meldung, die eine Woche nach dem Anschlag in der ganzen Republik die Runde machte: dass der LKW durch das automatische Bremssystem in seiner Fahrt gestoppt wurde.
Bei dem Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt am 19. Dezember war es offenbar einer technischen Vorrichtung am Lastwagen zu verdanken, dass nicht noch mehr Menschen ums Leben gekommen sind. Nach Informationen von Süddeutscher Zeitung, NDR und WDR kam der Lkw nur deshalb nach 70 bis 80 Metern zum Stehen, weil die Zugmaschine mit einem automatischen Bremssystem ausgerüstet war. Zu diesem Ergebnis kommt die Ermittlergruppe "City", die unter Leitung des Generalbundesanwalts den Anschlag aufklären soll.

Das automatische Bremssystem reagiert demnach auf einen Aufprall und betätigt von selbst die Bremsen. "Diese Technik hat Leben gerettet", hieß es in Berliner Regierungskreisen. Wäre der Lastwagen damit noch nicht ausgerüstet gewesen, wären wohl viel mehr Menschen gestorben. Bei einem ähnlichen Anschlag in Nizza am 14. Juli 2016 waren auf der Uferpromenade mehr als 80 Passanten getötet worden.
 
http://www.sueddeutsche.de/politik/terroranschlag-lkw-bremssystem-verhinderte-noch-mehr-tote-in-berlin-1.3312551

Der Artikel ist eine Koproduktion der renommierten Journalisten Hans Leyendecker, Georg Mascolo und Nicolas Richter und wurde von der gesamten deutschsprachigen Medienlandschaft zitiert und diskutiert. Die Darstellung (...kam der Lkw nur deshalb nach 70 bis 80 Metern zum Stehen...) insinuiert eine hohe Geschwindigkeit mit einem langen Bremsweg. 

Jedoch: Mit 15 km/h hätte der LKW einen Bremsweg von maximal 3 Metern gehabt. Er wäre schon vor der ersten Kollision mit einem Menschen oder einer Bude automatisch abgebremst worden, mithin sehr bald und mitten auf dem Weihnachtsmarkt zum Stehen gekommen. Die Aussagen der beiden Artikel sind schlicht unvereinbar. Experten zweifeln überdies angesichts der Luftaufnahmen vom Tatort an, dass ein automatisches Bremssystem zum Zuge kam. 

Die Quelle für den Bericht der Süddeutschen Zeitung war eine beim Generalbundesanwalt angesiedelte "Ermittlergruppe City". Die Gruppe dürfte mit den GPS-Daten ebenso vertraut sein wie die Ermittlerkreise, auf die sich die ZEIT beruft. Dieser offene krasse Widerspruch ruft nach einer Klarstellung seitens des Generalbundesanwalts, des BKA, des LKA Berlin oder einer anderen an den Ermittlungen beteiligten Behörde. Wie schnell war der LKW?

Von der "Ermittlergruppe City" hörte man nach dieser Meldung lange nichts mehr, bis sie just heute als BKA-Sonderkommission mit "hunderten Beamten" wieder ins mediale Rampenlicht trat.

http://www.tagesschau.de/inland/amri-berlin-ermittlungen-101.html


Sunday, May 07, 2017

Berlin Breitscheidplatz: das Dashcam Video ist Fake News - bestätigt


In den zwei letzten Beiträgen (hier und da) habe ich schon auf den dubiosen Charakter des Dashcam-Videos hingewiesen, wofür vor allem die Anonymität, der unmotivierte Schnitt und die unsäglich schlechte Bildqualität stehen. Beide Artikel basieren aber ansonsten auf der Annahme, dass über diese peripheren Bearbeitungen hinaus keine konkreten, "chirurgischen" Eingriffe ins Bildmaterial vorgenommen wurden (dass also etwa der LKW an bestimmten Stellen hineinkopiert wurde). Von dieser Annahme ausgehend kam ich zu dem Schluss, dass der LKW auf der Strasse bleibt und nicht über den Weihnachtsmarkt fährt.

Die Annahme ist nicht mehr haltbar, mit anderen Worten: es hat wohl konkrete Manipulationen am Bildmaterial gegeben. Ich habe zwei frames (Standbilder) isoliert. Eines davon schliesst die Möglichkeit aus, dass der LKW auf den Weihnachtsmarkt fährt, das andere schliesst aus, dass er auf die Budapester Strasse fährt. Conclusio: es wurde gefälscht.

Der Nachweis läuft dergestalt: es gibt im Dashcam-Video eine Reihe von vertikalen Landmarken wie Laternen, Ampeln, Weihnachtsbäume und Ecken von Gebäuden oder Buden. Wenn der LKW an so einer Landmarke vorbeifährt, lässt sich seine Position eingrenzen auf die Sichtlinie zwischen Dashcam und Landmarke. Das Prinzip habe ich bereits in meinem letzten Artikel erläutert. Der LKW verfügt ausserdem selbst über drei im Video erkennbare vertikale Marken, nämlich die rechte Vorderkante sowie die rechte und linke Hinterkante.

Mit Hilfe zweier (oder mehr) Landmarken lässt sich nun der Abstand zwischen rechter Vorder- und Hinterkante, also die Länge des LKW, recht gut abschätzen. Diese war real 16,5 Meter, was sich natürlich im Satellitenbild wiederfinden sollte. Und hier liegt das Problem.

In diesem Standbild...



...ist die rechte Vorderkante des LKW unsichtbar, weil durch den Weihnachtsbaum verdeckt. Dieser stellt also eine Landmarke dar, mit deren Hilfe man die Position der Vorderfront eingrenzen kann. Entprechendes gilt für die Fussgängerampel mitten auf der Kantstrasse (erkennbar an dem dreieckigen "Vorfahrt beachten"-Schild auf der Spitze), die genau auf einer Linie mit der rechten Hinterkante des LKW liegt. Das führt zu folgendem Diagramm:


Hierbei repräsentieren gelbe Punkte Landmarken wie Laternen, Ampeln oder Gebäudeecken, gelbe Rechtecke Buden vom Weihnachtsmarkt und grüne Rauten die pyramidenförmigen Weihnachtsbäume. Das rote Rechteck repräsentiert die Position des LKW, falls er auf den Weichnachtsmarkt gefahren wäre. Diese lässt sich relativ genau bestimmen, weil die enge Einfahrtschneise wenig Spielraum lässt.

Die rechte Hinterkante des LKW liegt auf einer Sichtlinie mit der Fussgängerampel F1 und der Ecke des flachen Bikini-Vorbaus. Mit einer Länge von 16,5 Metern müsste das Führerhaus dann im Standbild sichtbar sein, den Weihnachtsbaum W1 passiert und die Sichtlinie zur Fussgängerampel F2 (gestrichelt) erreicht haben. Da das nicht der Fall ist - der LKW müsste etwa 3 Meter kürzer sein, um dem Standbild gerecht zu werden - dokumentiert das Standbild, dass er nicht auf den Weihnachtsmarkt gefahren ist. Was es dagegen möglich erscheinen lässt, ist ein Einbiegen in die Budapester Strasse (blaue Rechtecke).

Mit der Unschärfe des Videos oder des Satellitenbildes oder grafischen Ungenauigkeiten lässt sich die krasse 3-Meter-Diskrepanz im übrigen nicht erklären. Eine minimale Verschiebung der Sichtlinien würde an der Beweisführung nichts ändern.

Ein paar Zehntelsekunden später ist dieses Standbild entstanden:


Das schwarze Quadrat umfasst die Bude an der Ecke, mit der Leuchtleiste an der Dachkante und der kranzförmigen Zierbeleuchtung auf dem Dach. Der LKW fährt gerade hinter dieser Bude vorbei. Das erkennt man daran, dass er ein Licht verdeckt, das im vorherigen Standbild noch sichtbar ist:


Es wird an dieser Stelle vorübergehend dunkler, und die Dauer dieser Abdunklung entspricht genau der Geschwindigkeit des LKW. Das Licht scheint durch die vordere und rechte Seite der Bude hindurch und muss von der Bude gegenüber stammen - die ja tatsächlich hell erleuchtet war, wie man von diversen Videos weiss. Die folgende Grafik illustriert die Situation:



Die rechte Hinterkante des LKW liegt diesmal auf einer Sichtlinie zum Bikini, zu einem Punkt etwas rechts von der Ecke des Hauptgebäudes. Sobald der LKW die Sichtlinie durch die Fussgängerampel F2 überschreitet, beginnt er die Beleuchtung der gegenüberliegenden Bude zu verdecken. Dieses Standbild wirft also für eine Auffahrt auf den Weihnachtsmarkt keine Probleme auf - wohl aber für ein Einbiegen in die Budapester Strasse, erstens weil der LKW die Beleuchtung nicht verdecken würde, und zweitens, weil er mit seiner Vorderfront noch weit entfernt von der F2-Sichtlinie wäre. Diesem Standbild nach ist der LKW also nicht auf die Budapester Strasse gefahren.

Da ausser Weihnachtsmarkt und Budapester Strasse keine anderen Fahrtrouten denkbar sind, heisst das, dass die beiden Standbilder sich widersprechen. Dann muss aber an mindestens einem von beiden eine konkrete Fälschung vorgenommen worden sein, womit das Dashcam-Video als Fake News entlarvt ist.

Das hat weitreichende Konsequenzen. Der Verdacht ist erhärtet, dass das Video gezielt angefertigt und verbreitet wurde, um eine bestimmte Version der Ereignisse - nämlich dass der LKW, von der Hardenbergstrasse kommend, auf den Weihnachtsmarkt raste - im Bewusstsein der Menschen zu verankern. Das Video ist der einzige konkrete Hinweis für eine hohe Geschwindigkeit bei Auffahrt auf den Markt, und mit seiner Falsifizierung gewinnt das Szenario, dass der LKW langsam war, massiv an Plausibilität.

Eine weitere Konsequenz ist, dass auch anderen Details in dem Video nicht zu trauen ist - etwa der Uhrzeit 20:01, die die Gedächtniskirche anzeigt.




Dazu werde ich im nächsten Blog-Post Stellung nehmen.




Tuesday, April 18, 2017

Berlin Breitscheidplatz: Dashcam-Video zeigt, wie LKW am Weihnachtsmarkt vorbeifährt



Das berühmt-berüchtigte Dashcam-Video wurde am 22. 12. 2016, drei Tage nach dem Anschlag, von der Nachrichtenagentur Reuters publiziert und verbreitete sich schnell weltweit. In Deutschland war es vor allem die Bild-Zeitung, die es förderte und dafür sogar ein eigenes Video mit einem erklärenden deutschen Sprechtext fabrizierte:

http://www.bild.de/news/inland/terrorberlin/der-moment-des-anschlags-49455400.bild.html

Der Sprecher behauptet, man sähe auf dem Video, wie der LKW auf den Weihnachtsmarkt rast. Das ist nicht ganz richtig. Man sieht, wie der LKW auf den Weihnachtsmarkt zurast. Ob er tatsächlich auf den Weihnachtsmarkt fährt oder doch auf der Budapester Strasse bleibt, ist seit der Veröffentlichung Gegenstand heftiger Diskussion. Einige gehen sogar so weit, das Video als Beweis dafür zu nehmen, dass der LKW überhaupt nicht über den Weihnachtsmarkt fuhr, sondern von der Budapester Strasse in die Budengasse hinein zurücksetzte. Dieser Schluss ist nicht statthaft, weil man, selbst wenn der LKW im Video auf der Budapester Strasse bleiben sollte, nicht weiss, was er danach gemacht hat. Es gibt eine Alternative.

Das Dashcam-Video hat es dank der geballten Medienpower in die "offizielle Version" geschafft, es kommt aber mit einigen Pferdefüssen daher, und das mag der Grund sein, warum die Politik es mit wesentlich spitzeren Fingern angefasst hat als die Presse. Zunächst einmal ist der Macher anonym, und im Gegensatz zu den meisten anderen wichtigen Zeugen ist er das bis heute. Es zeigt zwei Szenen vom Tatort, die zusammengeschnitten wurden, die zeitliche Länge des Schnittes ist unbekannt. Die Bildqualität ist erstaunlich schlecht und entspricht nicht dem Stand heutiger Aufnahmetechnik. Und groteskerweise scheint im Video die Uhr an der Gedächtniskirche genau 20:00 Uhr anzuzeigen, also zwei Minuten bevor der Anschlag erfolgte.

Die verschwommene, schlechte Aufnahmequalität ist wahrscheinlich der Grund dafür, dass die Frage, wo der LKW in dem Video entlang fährt, bis dato nicht geklärt werden konnte. Bei besseren Bildern hätte man nämlich Landmarken wie Laternenpfähle, Ampeln, Wegweiser, Bäume usw. besser erkannt und deren Position in Beziehung zum LKW setzen können. Erfreulicherweise ist es mir nun trotzdem gelungen, zwei wichtige räumliche Bezugspunkte zu lokalisieren.


Es handelt sich einmal um die Laterne, die für den LKW die rechte Begrenzung der Einfahrtschneise darstellte (Laterne A), und zum anderen die erste Laterne auf dem Mittelstreifen der Budapester Strasse (Laterne B). Auf dem folgenden Bid sieht man Laterne A im Vordergrund und Laterne B ganz links im Bild.



Beide Laternen sind im Dashcam-Video zu identifizieren. Laterne B ist angeschaltet, und die Lampen sind als zwei helle, nebeneinander liegende kreisrunde Flecken erkennbar. Laterne A ist zwar ausgeschaltet, aber dafür näher an der Kamera. In den Sekunden 0:00 bis 0:04 rollt das Dashcam-Auto noch, und man erkennt (wenn auch unscharf), wie Pfahl und Lampenschirm von Laterne A durch den Perspektivwechsel nach links wandern und um 0:05, wie das Auto, zum Stehen kommen.

Um 0:04 bzw. 0:19 trifft es sich, dass die beiden Laternen von der Dashcam aus auf einer (Sicht-)Linie liegen. Der LKW befindet sich gerade zwischen ihnen, und seine rechte hintere Kante liegt auf der nämlichen Linie.  Der folgende Schnappschuss ist von 0:19, zunächst ohne, dann mit Legende:






Laterne A ist schwer erkennbar, die Lokalisierung von Lampe und Pfosten fällt aber leicht, wenn man vorher im Video ihre Positionsveränderung von 00:00 bis 00:05 bzw. von 00:15 bis 00:20 beobachtet hat. Auch beim LKW hilft eine Betrachtung der vorhergenden (Zehntel-)Sekunden.

Die hintere rechte Kante des LKW liegt also genau auf der gedachten Linie zwischen den beiden Laternen. Wie das Titeldiagramm zeigt, hat der LKW in diesem Moment die mögliche Einfahrtsschneise bereits in voller Länge passiert. Er ist auf der Budapester Strasse, nicht auf dem Weihnachtsmarkt! 


Wem jetzt Zweifel kommen, dem sei nochmals angeraten, die Sekunden 00:00 bis 00:05 bzw. 00:15 bis 00:20 zu studieren, wenn möglich in Zeitlupe. Er wird die beiden hell erleuchteten Lampen von Laterne B erkennen und bei genauem Hinsehen auch die zarten dunklen Umrisse von Laterne A, wie sie nach links huschen.

Das Dashcam-Video zeigt also lediglich, wie ein LKW am Weihnachtsmarkt vorbeifährt. Höchstwahrscheinlich ist es der gleiche LKW, der wenig später tatsächlich auf den Markt fährt. Wie bereits hier ausgeführt, kann das dann aber nur heissen, dass er in der Zwischenzeit eine Runde gedreht hat, was allerdings durchaus im Einklang mit verschiedenen Pressemeldungen ist.

Es bleibt unklar, warum der Generalbundesanwalt in seiner Pressemitteilung vom 4. Januar, in der er den letzen Teil der Strecke ansonsten minutiös darlegt, diese Extra-Runde nicht erwähnt.